Betrachtungen

19
Oct
2006

Vom Problem der Selbsterkenntnis

Der Versuch der Selbsterkenntnis ist der Versuch sich selber durchsichtig zu werden. Hineinschauen in den Grund der Seele, oder moderner gesprochen, des Selbst. Sich selber als Objekt nehmen und von allen Seiten betrachten, analysieren, erforschen und erfassen. Diese Aufgabe ist dringlicher denn je. Warum? In einer Zeit, in der wir einer ständigen Beeinflussung durch die Medien und durch allgegenwärtige Werbung ausgesetzt sind, wird die Rückbesinnung auf unser Innerstes wieder wichtig, sofern wir uns nicht nur als Konsumenten definieren wollen. In einer Zeit, in der Unternehmen ihre Mitarbeiter durch culture change initiatives „erziehen“ und ihnen die „Werte“ des Unternehmens eintrichtern, ist kritische Selbsterkenntnis wichtiger den je, sofern wir uns nicht nur als hoch-effiziente Produzenten verstehen wollen. In einer Zeit, in der wir dem social engineering durch Regierungen und verschiedensten Interessensgruppen ausgesetzt sind, ist der Versuch der Selbsterkenntnis ein Muss, sofern wir uns nicht im Meer der öffentlichen Meinungen und Stimmungen treiben lassen wollen. Nun, der Bedarf an Selbsterkenntnis ist jedenfalls groß. Doch woher diese Erkenntnis nehmen? Wie vorgehen?

Der Versuch der Selbsterkenntnis geht schon von mehreren Grundannahmen aus. Erstens, dass es ein Selbst, dass es so etwas wie den Kern meiner Persönlichkeit gibt, der erfasst werden kann. Zweitens, dass ich mich selber als Objekt meiner Gedanken nehmen kann. Dass ich mich selber sozusagen in einen Erkennenden und ein Erkanntes spalten kann. Und wenn dies alles möglich ist, soll heißen, es gibt ein Selbst das erkannt werden kann, dann stellt sich immer noch die Frage, woher ich die Kategorien nehme, nach denen ich das Selbst begreife. Greife ich zu philosophischen Kategorien, zu religiösen Kategorien, oder nehme ich mit psychoanalytischen Kategorien vorlieb, oder vielleicht gar ein Rückgriff auf biologistisch-materialistische Erklärungen? Außerdem stellt sich die Frage nach der Methode der Selbsterkenntnis. Soll reines Nachdenken angewandt werden, Selbstbeobachtung oder vielleicht Meditation? Erst wenn alle diese Fragen beantwortet sind, kann zur Praxis der Selbsterkenntnis geschritten werden. Das Folgende stellt den Versuch einer kurzen Erörterung dieser Grundannahmen dar.

Gibt es das Selbst, mein Selbst, überhaupt, ist die erste Frage die geklärt werden muss. Der unkritische, alltägliche Blick auf die eigene Person, scheint die Existenz des Selbst zu bestätigen. Zumindest ist die Annahme des Vorhandenseins eines Selbst eine äußerst hilfreiche Arbeitshypothese bei der Bewältigung des eigenen Lebens. Müssten wir unser Leben auf der Annahme gründen, dass es kein Selbst gibt, so wären wir völlig orientierungslos und wüssten auch nicht wie wir mit der Welt in Kontakt treten könnten oder in welchem Verhältnis wir zur Welt stünden. Auch ein Großteil der philosophisch-religiösen Traditionen der Menschheit von der Antike bis zur Moderne geht von einem Selbst bzw. einer Seele, die den Kern eines jeden Menschen ausmacht, aus. Erst in der Postmoderne wird der Zweifel an der Existenz eines stabilen Selbst laut. Postmoderne Denker sprechen oft von einem dezentrierten Selbst, vom sozial konstruierten Selbst, das durch Diskontinuität und Sprunghaftigkeit gekennzeichnet ist. Einen unwandelbaren Kern, ein Selbst im traditionellen Sinne, gibt es nach dieser Auffassung nicht. Das postmoderne Selbst ist das autonome Selbst, das sich durch die freie Wahl konstituiert. Nach dieser Auffassung habe ich die Freiheit mich jeden Tag neu zu erschaffen. Ich bin heute nicht unbedingt der, der ich gestern war. Es wird kein übergeordnetes Prinzip angenommen, das diese tägliche Wahl leiten würde. Die Wahl ist ein Produkt aus meiner Freiheit und äußeren, sozialen Einflüssen. Nach postmoderner Vorstellung kann das Selbst somit nur als die Summe all meiner vergangenen Handlungen und Gedanken verstanden werden. Das Selbst kann somit nie abgeschlossen, oder festgelegt werden. Die Erinnerung wird zum einzigen Ort an dem ich etwas über mein Selbst erfahren kann. Die Erkenntnis über mein Selbst wäre also immer nur ex-post möglich, und ließe keine gültigen Aussagen über meine zukünftigen Handlungen zu. Die Erinnerung wird dann zum Reservoir des Selbst das langsam über das Leben hinweg aufgefüllt wird. Jedoch die Erinnerung kann trügerisch sein. Sie ist oft vom gegenwärtigen Gemütszustand, von Idealisierungen und Sehnsüchten verfärbt. Der Wahrheitsgehalt der eigenen (und vielleicht auch kollektiven) Erinnerung bleibt zweifelhaft, Selbsterkenntnis würde somit zur unlösbaren Aufgabe. Vielleicht liegt aber der Wahrheitsgehalt der Erinnerung eben nicht in den Fakten und Tatsachen meiner eigenen Geschichte, sondern in den Sehnsüchten die die eigene Erinnerung verfärben. Vielleicht sind es genau diese Sehnsüchte die Aussagen über mein Selbst zulassen, die in letzter Konsequenz sogar mein Selbst sind. Denn kann ich meine Sehsüchte frei wählen? Bin ich ihnen nicht machtlos ausgeliefert? Ja, ich kann sie wohl ignorieren, aber nur um den Preis eines unerfüllten Lebens. Es sind die Sehnsüchte in denen ich ganz ich, ganz Selbst bin. Unter Sehnsucht sollen hier nicht Wünsche verstanden werden. Sehnsüchte sind weniger konkret als Wünsche, und sind mehr als eine bestimmte Stimmung zu verstehen, nach der hin es uns zieht. Es ist diese Ebene, die mich mit etwas verbindet das man Lebensweg, vielleicht sogar Schicksal nennen könnte. Es ist die tiefste Schicht meines Daseins, hier bin ich zutiefst verletzlich, hier finde ich aber auch die größte Erfüllung. Diese Auffassung der Sehnsucht drückt auch die Vorstellung aus, dass wir uns selber von der Zukunft her bestimmen; ontologisch gesprochen, ich bin der ich noch nicht bin, der ich aber sein könnte. Selbsterkenntnis, so verstanden, ist also die Erkenntnis der eigenen Sehnsüchte. Die reine, unvermischte, unmanipulierte Sehnsucht, das bin ich. Will ich mich als Mensch erfassen, will ich den besten Teil von mir erfassen, so muss ich mich in meinen Sehnsüchten erfassen. Hier bin ich der, der ich sein könnte. Hier bin ich reines Ich, unbeschränkt von harscher, antagonistischer Realität. Hier finde ich mein Selbst in Reinform.

Wenn es nun also das Selbst gibt, das sich in meinen Sehnsüchten ausdrückt, wie soll dieses erkannt werden. Wie ist es möglich, dass ich mich selber zum Objekt meiner Erkenntnis nehme? Dies ist möglich wenn ich das Selbst eben nicht mit meinem Denken gleichsetze. Problematisch wird die Subjekt-Objekt Spaltung im Denken erst wenn ich das Denken selber als Objekt meines Denkens nehme. Denn dann versuche ich gleiches mit gleichem zu erkennen. Verstehe ich aber das Denken nur als eine Gehirnfunktion, die die von mir erfasste Realität ordnet und begreifbar macht und nicht als das Substrat meines Selbst, so wird Selbsterkenntnis durch denken möglich. Wenn ich das Substrat meines Selbst als meine Sehnsüchte erfasse und diese als etwas Gegebenes nehme, etwas das nicht erst durch den Vorgang meines Denkens erschafft wird, dann wird das Selbst zu einem legitimen Objekt meiner Erkenntnis.

Nun, da es also ein Selbst gibt, das sich in unseren Sehnsüchten ausdrückt und eine Erkenntnis dieser Sehnsüchte durch Denkvorgänge möglich ist, stellt sich die Frage nach welchen Kategorien wir das Selbst analysieren und beurteilen. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten zur Analyse und Beurteilung des Selbst, scheint mir der Ansatz von Erich Fromm am geeignetsten zu sein. Fromm unterschiedet bei seiner Analyse des Menschen zwischen einem Wachstumssyndrom und einem Verfallssyndrom. Das Wachstumssyndrom beim Menschen ist gekennzeichnet durch Biophilie, Liebe zum Nächsten, zur Natur und dem Streben nach Freiheit. Das Verfallssyndrom hingegen durch Nekrophilie, Narzissmus und inzestuöse Symbiose (starke Bindung an Mutter, Volk oder Rasse). In den religiösen Kategorien von Gut und Böse gefasst ist das Gute im Menschen im Wachstumssyndrom zu finden, das Böse im Verfallssyndrom. Unsere Sehnsüchte, und somit unser Selbst, können danach analysiert und beurteilt werden, je nachdem ob der Inhalt der Sehnsüchte sich dem Wachstumssyndrom oder dem Verfallssyndrom zuordnen lassen.

Es bleibt nun noch die Frage nach der Methode der Selbsterkenntnis zu klären. Vier Methoden bieten sich dabei an: das aktive Nachdenken über sich selbst, die sokratische Methode, die Meditation und die Selbstbeobachtung. Das aktive Nachdenken scheint auf den ersten Blick die beste Methode der Selbsterkenntnis zu sein. Jedoch ist sie mit dem Problem konfrontiert, dass meine Sehnsüchte manchmal stärker manchmal schwächer zu spüren sind, und der Erfolg der Selbsterkenntnis deshalb vom Moment abhängt. Außerdem haben Sehnsüchte einen stark emotionalen Charakter und entsprechen mehr einem Bild denn einem Text. Das Erfassen meiner Sehnsüchte durch mein Denken, will heißen durch meine Sprache erfordert deshalb eine hohe sprachliche Begabung, vielleicht sogar eine poetische Begabung. Die sokratische Methode der Selbsterkenntnis ist die Methode des Dialogs mit einem anderen Menschen, zum Beispiel in der Psychotherapie. Auch hier stellt sich die sprachliche Barriere wie beim aktiven Nachdenken. Außerdem besteht die Gefahr der Beeinflussung und Suggestion durch den Gesprächspartner. In einer idealen Gesprächssituation könnte aber gerade durch die dialektische Bewegung des Gesprächs das gesuchte Selbst zum Vorschein treten. In der Meditation versuche ich unter Ausschaltung von äußeren Einflüssen mich auf mein Innerstes zu konzentrieren, ich suche Ruhe und Einkehr. Meine Sehnsüchte jedoch, die sich in einer Spannung, teilweise sogar einer schmerzliche Spannung, äußern, finde ich in der Meditation nicht. Die letzte hier behandelte Methode der Selbsterkenntnis ist die der Selbstbeobachtung. Sie ist ein andauernder Prozess bei dem ich selber auf der Lauer liege und warte, dass sich meine Sehnsüchte äußern. Jeder Tag liefert Momente in denen meine Sehnsüchte kurz aufblitzen. Diese Momente gilt es festzuhalten, hier gilt es innezuhalten und sich selber transparent zu werden und wenn es auch nur für einen kurzen Moment ist. Es kommt hier die Natur und die Kunst ins Spiel. Manche Landschaften, manche Musikstücke, manche Bilder, manche Fotografien sprechen uns zutiefst an und wir wissen nur selten warum. Sie tun dies aber, weil hier unsere Sehnsüchte einen Ausdruck finden, weil sich hier unsere Sehnsüchte widerspiegeln. Selbstbeobachtung ist wohl die beste Methode der Selbsterkenntnis, da sie die Sehnsüchte dann ergreift, wenn sie sich konkret äußern.

Bleibt zum Schluss noch die Praxis der Selbsterkenntnis zu erörtern. Die Praxis, folgend der Methode der Selbstbeobachtung, führt zum Aufmerksamwerden auf meine Sehnsüchte und letztendlich zum Ernstnehmen dieser Sehnsüchte. Wenn es mir dann gelingt, dass meine Sehnsüchte zum realen Objekt meiner Liebe werden, dann bin ich bei mir selber angekommen, dann bin ich was ich liebe.
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Robert Moosbrugger

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