Bücher

15
Jan
2012

Buchbesprechung: Peter Sloterdijk - Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen.

Ein weiterer spannender Essay von Peter Sloterdijk, herausgegeben in einem handlichen und schön editierten Buch im Verlag der Welt Religionen. Im vorliegenden Essay setzt sich Sloterdijk mit den drei abrahamischen oder monotheistischen Religionen und ihrem wechselseitigen Verhältnis auseinander. Im Verlauf des Textes fügt Sloterdijk dann noch stellenweise den Kommunismus als eine Art atheistischer Monotheismus zu seinen Ausführungen hinzu.
Sloterdijk untersucht die drei großen Monotheismen aus einer kulturwissenschaftlich und philosophischen Perspektive. Gelegentlich fließen auch Elemente seiner allgemeinem Immunologie ein, die uns Sloterdijk als Ersatz für Metaphysik und Theologie vorschlägt (siehe dazu „Du musst dein Leben ändern“ vom selben Autor).
Das Buch liest sich, für sloterdijksche Verhältnisse, relativ leicht und ist übersichtlich und klar strukturiert. Die Beschreibung der drei Religionen im Kapitel "Die Aufstellungen" fällt kurz und schematisch aus und bietet so keine großen Überraschungen oder Einsichten. Im Kapitel "Die Pharmaka" beschreibt Sloterdijk mögliche Auswege aus dem Kampf der drei Monotheismen. Auch dieses Kapitel hält wiederum keine großen Überraschungen parat. Als Pharmaka verschreibt Sloterdijk den Monotheismen ein Abrücken vom Absolutheitsanspruch. Es muss, so Sloterdijk, neben der Auswahl zwischen Schwarz und Weiß eben auch immer Grau zu Verfügung stehen, um die Möglichkeit eines Zusammenlebens zu gewährleisten. Neben dem Abrücken vom Absolutheitsanspruch hin zu einer Mehrwertigkeit verschreibt Sloterdijk den Monotheismen auch Humor und eine Zivilisierung durch Institutionalisierung. Im abschließenden Kapitel, "Nach Eifer" genannt, lässt Sloterdijk den Kampf der Monotheismen im Ethos einer Allgemeinem Kulturwissenschaft aufgehen. Er schreibt: "Globalisierung heißt: Die Kulturen zivilisieren sich gegenseitig. Das Jüngste Gericht mündet in die alltägliche Arbeit. Die Offenbarung wird zum Umweltbericht und zum Protokoll über die Lage der Menschenrechte." Als Instrumentarien einer zukünftigen globalen Biopolitik gibt Sloterdijk die demographische Aufklärung (mit Hinweis auf Gunnar Heinsohn und dessen Buch Söhne und Weltmacht) und eine aktualisierte Entwicklungspolitik an.
Auch wenn das Buch keine großartigen theoretischen oder faktischen Erkenntnisse bereit hält, bietet es, wie man es von Sloterdijk schon gewohnt ist, auf jeder Seite ein Fülle an gelungenen Formulierungen und neuen Ansichten und Einsichten. Gottes Eifer ist auf jeden Fall ein lesenswerter Beitrag zur Diskussion um die Rolle der Religion im Europa des 21. Jahrhunderts.

6
Nov
2011

Buchbesprechung: Peter Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik.

Du mußt dein Leben ändern. Unter diesem für eine philosophisches Werk eher ungewöhnlichen Titel hat der Philosoph Peter Sloterdijk ein fulminantes Werk vorgelegt. Nach seinem Buch „Gottes Eifer: Vom Kampf der drei Monotheismen“ beschäftigt sich Sloterdijk nun wieder, wenn auch nur indirekt, mit dem Thema Religion. Gleich zu Beginn des Buches macht Sloterdijk die überraschenden Feststellung, dass es eigentlich keine Religionen gibt. Richtiger wäre es, so Sloterdijk, eine anthropotechnische Neubeschreibung religiöser Phänomen als spirituelle Übungssysteme vorzunehmen. Genau diese Neubeschreibung unternimmt der Autor dann auch mit einer Reihe von Beispielen aus der europäischen und indischen Religionsgeschichte. Erweitert werden diese Beobachtungen religiöser Phänomene um Beobachtungen in der Kunst und im Sport. In allen diesen Bereichen erkennt Sloterdijk eine von ihm so benannte Vertikalspannung am Werk, die Menschen, kurz gesagt, zu Höherem anspornt oder hinaufzieht. Die Methoden die Menschen unter Vertikalspannung in den verschiedensten Lebensbereichen seit Jahrhunderten anwenden, um sich selbst zu verbessern oder an sich selbst zu arbeiten, nennt Sloterdijk Anthropotechnik. Der Begriff Anthropotechnik, so wie ihn Sloterdijk in diesem Buch versteht, hat keine biologistischen oder gentechnischen Konnotationen. Vielmehr erinnert die Verwendung des Begriffst an Foucault der ähnliche Phänomene mit dem Begriff „Technologien des Selbst“ beschrieben hat. Der von Sloterdijk eingeführte Begriff Anthropotechnik hat den Vorteil, dass er es ermöglicht Zusammenhänge zwischen verschiedensten Phänomenen des menschlichen Lebens zu erkennen. Man könnte sagen, dass der Begriff Anthropotechnik die anthropologische Erkenntnis bedeutet, dass der Mensch das Tier ist, das an sich selbst arbeitet, um ein Sein im Werden zu sein. Üben, üben, üben, oder ständiges Wiederholen ist die anthropotechnische Methode zur Selbstverbesserung. Auch Weltverbesserung geht nur über den Weg der Selbstverbesserung. Abkürzungen zur Weltverbesserung durch Revolutionen ohne gleichzeitige Selbstverbesserung und gesellschaftlicher moralischer Evolution enden meist in einer Sackgasse. Dies belegt Sloterdijk mit einigen eindrücklichen Beispielen aus der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert.
Du mußt dein Leben ändern!, so lautet also der von Sloterdijk formulierte absolute Imperativ. Wer oder was hat allerdings die Autorität uns postmodernen und freien Menschen so etwas vorzuschreiben? Die moralische Instanz die uns dies vorschreibt ist nach Sloterdijk kein Gott sondern die sich abzeichnende globale Krise. In einer Welt die von multiplen sich gleichzeitig verstärkenden Krisen (Klimakrise, Finanzkrise, Rohstoffkrise, Nahrungsmittelkrise, Bevölkerungskrise, etc.) geprägt ist, ist es ohne weiteres einsichtig, dass es so nicht weitergehen kann. Wie genau wir allerdings unser Leben ändern sollen, sagt uns Sloterdijk nicht. Und das ist auch gut so. Denn bewältigt wird die Krise nicht durch einen globalen Masterplan, sondern durch den Willen eines jeden einzelnen sein Leben zu ändern und so den Bogen zu schlagen von der Selbstverbesserung zur Weltverbesserung.

17
Jan
2010

Buchbesprechung: Volker Seitz – Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann

Der pensionierte deutsche Diplomat Volker Seitz legt mit seinem Buch „Afrika wird armregiert“ einen persönlichen Erfahrungsbericht aus 17 Jahren beruflicher Tätigkeit in verschiedenen Ländern Afrikas vor. In all diesen Jahren hat Seitz die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bestens kennen gelernt und beschert uns nun, laut Buchumschlag, ein Plädoyer für eine radikale Änderung der Entwicklungspolitik. Vor allem vor dem Hintergrund der von vielen Seiten geforderten Verdoppelung der öffentlichen Entwicklungshilfe, oder gar deren Steigerung auf 0,7% des Bruttonationaleinkommens, ist das Plädoyer von Volker Seitz als wichtiger Beitrag zur Debatte um Sinn und Unsinn der Entwicklungszusammenarbeit ernst zu nehmen.
Schon auf den ersten Seiten des Buches wird klar, dass Seitz die real existierende Entwicklungszusammenarbeit für wenig effektiv, ja teilweise sogar schädlich hält. Das Problem laut Seitz ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit.
Das Buch ist in mehrere Abschnitte mit Unterkapiteln gegliedert. Im ersten mit „Kritik der reinen Unvernunft“ betitelten Abschnitt setzt sich Seitz mit verschiedenen Facetten der Entwicklungszusammenarbeit auseinander, die seiner Ansicht nach unvernünftig bis schädlich sind. In diesem Zusammenhang kritisiert Seitz unter anderem den „Irrgarten Entwicklungshilfe“ in dem sich eine Vielzahl von öffentlichen und privaten Organisationen wenig koordiniert tummle und die direkte Budgethilfe für Entwicklungsländer, die oft in dunklen Kanälen versickere.
Im nächsten Abschnitt „Prinzip Verantwortung“ geht Seitz auf die für ihn wahren Ursachen der fehlenden Entwicklung in Afrika ein. Er beschreibt hier seinen Eindruck von den afrikanischen politischen Eliten, es geht um Korruption, Misswirtschaft und schlechte Regierungsführung. Seitz macht uns hier klar, dass er für die vielseitigen Probleme Afrikas die Schuld hauptsächlich in der afrikanischen Politik und bei den afrikanischen Eliten sieht.
Im nächsten „Entwicklungshindernisse“ genannten Abschnitt zählt Seitz eine lange Liste an Hindernissen auf. Die Liste ist allerdings wenig systematisch und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben. So geht Seitz beispielsweise auf einige der wichtigsten Entwicklungshindernisse, wie Bürgerkriege, fehlende regionale und internationale Marktzugänge oder zu geringe landwirtschaftliche Produktivität, kaum oder gar nicht ein. Auf der anderen Seite aber erwähnt Seitz kaum wissenschaftlich haltbare Faktoren, wie das angebliche fehlende Zeitgefühl der Afrikaner, als Entwicklungshindernis.
Im nächsten Abschnitt „Lehrstoff Entwicklungshilfe“ setzt sich Seitz noch einmal kritisch mit der Entwicklungshilfeindustrie auseinander. Unter anderem kritisiert er dabei die Vereinten Nationen als globale Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und fordert einen Rechnungshof für Entwicklungshilfe.
Im vorletzten Abschnitt„Was muss sich ändern?“ macht Seitz eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Veränderung der Entwicklungszusammenarbeit. Viele der Vorschläge sind allerdings wenig innovativ können kaum als Zeugnis für eine radikale Änderung der Entwicklungspolitik herhalten, so wie es der Klappentext verspricht. Unter anderem fordert Seitz eine stärkere Unterstützung von Frauen, eine Förderung der Landwirtschaft, vermehrten Zugang zu Kleinkrediten für Arme und bessere Hochschulbildung. All dies sind Vorschläge die schon seit Jahren Bestandteil der Entwicklungspolitik vieler OECD Länder sind. Am radikalsten ist vielleicht seine Forderung, dass die Entwicklungszusammenarbeit sich auf die Unterstützung von Ländern mit guter Regierungsführung konzentriere. Allerdings ist auch diese Forderung nicht ganz neu. Präsident Bush hat dies bereits 2004 mit seinem Millennium Challenge Account genannten Entwicklungshilfefonds umgesetzt.
Im letzten Abschnitt verkündet Seitz „Sechs Wahrheiten zur Entwicklungspolitik“, die dann etwas radikaler sind, als die zuvor erwähnten Verbesserungsvorschläge. Die sechs Wahrheiten laut Seitz sind:
1.Malaisen in Afrika dürfen nicht schöngeredet werden
2.Der Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit muss überprüft werden
3.Auch die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen sollte regelmäßig überprüft werden
4.Wir sollten so wenig Geld wie irgend möglich und nur so viel wie dringend nötig fließen lassen
5.Eine schlechte Regierungsführung muss Folgen haben
6.Die Schlüsselrolle im Kampf gegen die Armut müssen die afrikanischen Regierungen selbst übernehmen

Das Buch von Volker Seitz reiht sich in eine inzwischen immer länger werdende Reihe von Büchern ein, die sich kritisch mit dem Thema Effektivität der Entwicklungszusammenarbeit auseinandersetzen. Seitz lässt keinen Zweifel daran, dass er die Ursachen für die Malaise in weiten Teilen Afrikas nicht in einer „kannibalischen Weltwirtschaftsordnung“ (Jean Ziegler) sieht, sondern in der korrupten und nicht an den Entwicklungsbedürfnissen der eignen Völker interessierten politischen Kaste Afrikas. Als Königsweg zur Entwicklung in Afrika sieht er gute Regierungsführung und Investitionen in Bildung. Der von Seitz gelegte Fokus auf gute Regierungsführung wirft allerdings die Frage auf, was mit den Ländern passieren soll, die sich nicht an die Spielregeln der guten Regierungsführung halten. Sollen Länder wie beispielsweise Somalie, der Sudan oder die D.R. Kongo sich selber überlassen werden? Volker Seitz bietet hier mit seinen Vorschlägen keine überzeugenden Alternativen.
Rupert Neudeck schreibt in seinem sehr interessanten Vorwort zum Buch: „Es gibt viele Bücher über das Scheitern dessen, was wir mit einem falschen Wort Entwicklungshilfe nannten. Dieses Buch gibt dem Gebäude den letzten Stoß. Nach seiner Zerstörung muss etwas ganz anderes aufgebaut werden.“ Diese Behauptung ist vielleicht etwas vollmundig und es ist wohl kaum zu erwarten, dass mit der Publikation dieses Buches tatsächlich das Ende der bisherigen Entwicklungspolitik eingeläutet ist. Richtig ist allerdings, dass es eine ehrliche Debatte zur Effektivität von Entwicklungszusammenarbeit braucht und dort wo es notwendig ist, auch den Mut zur radikalen Veränderung.
„Afrika wird armregiert“ ist leicht zu lesen, vielleicht manchmal etwas zu leicht. Manche der teilweise sehr komplexen Thematiken werden vom Autor auf wenigen Seiten abgehandelt. Wenig hilfreich ist auch der stellenweise polemische und verallgemeinernde Ton. Dennoch bietet das Buch von Volker Seitz eine interessante Perspektive auf die Problematik der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und ist eine wichtiger Beitrag zur Debatte um die Effektivität der Entwicklungshilfe.

10
Jan
2010

Buchbesprechung: Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen

Jean Ziegler, emeritierter Soziologie Professor und UN Sonderberichterstatter hat wieder ein Buch veröffentlicht. Der Titel des Buches ist „Der Hass auf den Westen“ und der reißerische Untertitel des Buches lautet: „Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.“ Der im Untertitel erwähnte, angebliche wirtschaftliche Weltkrieg wird dann im Buch aber weder definiert noch mit Daten oder Fakten belegt. Es darf also vermutet werden, dass der Untertitel wohl nur gewählt wurde, um die Verkaufszahlen zu steigern. Das neue Buch Zieglers reiht sich nahtlos in die bisher veröffentlichten Schriften des Autors ein, und identifiziert wieder die üblichen Verdächtigen wie WTO, IWF, Weltbank und multinationale Unternehmen als die Verantwortlichen für alles Leid dieser Erde. Das Buch hätte auch gut auch einen anderen Titel haben können, beispielsweise „Zieglers Hass auf den Kapitalismus“.
Die Kernthese des Buches ist, dass die Menschen im globalen Süden den Westen hassen und dass die Quellen dieses Hasses im Sklavenhandel, im Kolonialismus, in der Doppelzüngigkeit des heutigen Westens und in einer kannibalischen Wirtschaftsordnung liegen. Laut Ziegler befindet sich der Süden heute in einem Aufstand gegen den Westen; ein Aufstand in dem sich ein historisches Bewusstsein für die erlitten Leiden widerspiegelt.
Diese Kernthese ist in vielfältiger Hinsicht problematisch. In keinem Punkt seines Buches untermauert Ziegler den angeblichen Hass auf den Westen mit Zahlenmaterial oder Umfragen. Als Beweis für seine schwerwiegende und weitreichende These genügen ihm Gespräche, die er mit ausgewählten Gesprächspartnern geführt hat. Dass in vielen Ländern des Südens eher ein Hass auf die eigenen korrupten Eliten besteht, als ein Hass auf den Westen wird im Buch nicht thematisiert. Auch dass dort wo wirklich ein Hass auf den Westen besteht, die Quellen immer im Sklavenhandel, Kolonialismus, etc. liegen, so wie Ziegler uns weismachen will, ist in keiner Weise eine ausgemachte Sache. Als Gründe für den Hass auf den Westen könnte genauso gut die Spannung zwischen Tradition und Moderne angegeben werden. In vielen Länder des Südens sind nach wie vor starke patriarchalische Strukturen vorhanden, die in der Liberalität des Westens, vor allem in Bezug auf Individualismus und Emanzipierung der Frauen und Homosexuellen, eine klare Gefährdung ihrer eigenen Wertesysteme erblicken und deshalb den Westen hassen.
Am interessantesten ist allerdings das was Ziegler nicht erwähnt. Ein Buch mit dem Titel „Der Hass auf den Westen“ lässt eigentlich erwarten, dass der islamischen Fundamentalismus zumindest thematisiert würde. Allerdings weit gefehlt. Ziegler geht in seinen Beispielen nicht auf den islamischen Fundamentalismus ein und liefert dafür auch keinerlei Erklärungen. Der Grund dafür ist wohl, dass sich die Ablehnung des Westens in weiten Teilen der islamischen Welt nicht einfach mit den gängigen schwarz-weißen Erklärungsmustern von Ziegler beschreiben lässt.
Jean Zieglers Buch ist kein sozialwissenschaftliches Sachbuch sondern fällt mehr unter die Kategorie „ideologisch gefärbte Reiseerzählungen“. Wie ungenau und polemisch Jean Ziegler mit Fakten umgeht, kann beispielsweise anhand des Epilogs des Buches verdeutlicht werden. Hier geht Ziegler kurz auf die Ursachen der Explosion der Grundnahrungsmittelpreise in vielen Entwicklungsländern ein. Eine Thematik mit der er sich als UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung eigentlich bestens auskennen sollte. Als Grund für die Preisexplosion für Grundnahrungsmittel identifiziert Ziegler, wie bei ihm nicht anders zu erwarten ist, den Westen.
Beispielsweise führt er Mali an, dass vom Westen dazu gezwungen werde, Baumwolle für den Weltmarkt zu produzieren, anstatt Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung anzubauen und deshalb nun Reis aus Vietnam importieren müsse. Hier widerspricht sich Ziegler selber, denn an einer anderer Stelle des Buches (Seite 85) schreibt er von der strukturellen Gewalt des Westens, die auf die Vernichtung des Baumwollmarktes in Mali abziele. Es ist unlogisch dem Westen einerseits vorzuwerfen, dass er Mali zum Export von Baumwolle zwinge und gleichzeitig den Baumwollmarkt für Mali vernichten wolle. Ziegler erwähnt auch nicht, dass es sehr wohl Sinn machen kann, dass sich Länder auf die Produktion von Agrargütern spezialisieren, für die sie die geeigneten klimatischen Bedingungen besitzen. Warum sollte Vietnam Baumwolle anbauen und Mali Reis pflanzen, wenn sie darin keine komparativen klimatischen Vorteile haben?
Als weiteren Faktor für die Preisexplosion sieht Ziegler die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln. Hier hat er im Prinzip Recht. Allerdings ist Ziegler wieder sehr selektiv bei der Schuldzuweisung und sieht die Schuldigen nur im Westen. Bekanntlich profitierten aber auch viele lokale Händler im Süden und teilweise auch hochrangige Politiker, wie beispielsweise in Kenia, massiv von Nahrungsmittelspekulationen. Ausserdem haben auch andere globale Faktoren wie Missernten und Veränderung im Nahrungsmittelkonsum in Ländern wie beispielsweise China zu einer Erhöhung der weltweiten Nahrungsmittelpreise beigetragen. Für Ziegler sind diese Faktoren allerdings keiner Erwähnung wert, wahrscheinlich weil sie nicht einfach dem Westen in die Schuhe geschoben werden können.
Das neue Buch von Jean Zieglers ist leicht und schnell zu lesen. Am Besten ist Ziegler wenn er seine persönlichen Eindrücke von den vielen Orten die er besucht gekonnt literarisch beschreibt. Allerdings sind manche Elemente auch sehr repetitiv. Beispielsweise fügt Ziegler beim Erwähnen seiner diversen Gesprächspartner immer eine kurze Charakterisierung und Beschreibung bei. Als Faustregel gilt dabei, dass Zieglers Gesprächspartner die den Westen vertreten, als arrogant, gerissen, kurz unsympathisch beschrieben werden. Seine Gesprächspartner aus dem Süden sind freundlich, lächelnd, von großer Herzlichkeit und, sofern es Frauen sind, sogar von betörender Schönheit. Die Charakterisierungen mit denen Ziegler seine Gesprächspartner beschreibt bedienen in ihrer Einfachheit alle Stereotype seiner Weltanschauung. Wer Jean Ziegler liest, muss wissen, dass er keine empirisch wissenschaftliche Erklärung für die vielfältigen Probleme und Nöte der Bevölkerungen von Entwicklungsländern finden wird, sondern eine ideologische Erzählung, basierend auf einer Weltanschauung aus einer vergangenen Zeit.

6
Apr
2009

„Guns, germs and steel“ and „Collapse“ by Jared Diamond

Why did the development of societies proceed at different rates on different continents? And why did some societies collapse and disappear? Jared Diamond has written two fact-filled books in which he tries to answer these two questions. In his 1997 book „Guns, germs and steel: A short history of everybody for the last 13,000 years“ Diamond searches for explanations for the differing rates of development of human societies on different continents over the last 13,000 years. In „Collapse: How societies choose to fail or survive“, first published in 2005, Diamond looks at the opposite problem, and examines how past and present societies have collapsed and disappeared. In both books Jared Diamond uses a method of comparative history with insights from other sciences like ecology, evolutionary biology, geography, linguistics and genetics in order to search for ultimate explanations for the development and decline of past and present societies.

In „Guns, germs and steel“ Diamond takes the long view of human history and a global perspective in order to look for ultimate causes that shaped the development of peoples and societies. In one of the chapters, Diamond looks at the Spanish conquest of Native American societies and identifies several factors behind the conquest, like Spanish germs, horses, literacy, political organization, and technology. Those factors are proximate causes for the spanish conquest but Diamond is in search for the ultimate causes that led to the development of those factors in Spain but not in Peru. Diamond identifies as ultimate cause for the build-up of societies the rise and spread of food production, i.e. the shift away from hunting and gathering to agriculture and herding allowing for complex political and military organisation. The rise in agriculture in turn was linked to the natural environment in which peoples evolved and the availability of wild seeds and animals for domestication. In a nutshell, Diamond attributes the different historical development of societies to the different environments in which they evolved and the possibilities for exchange and learning they had with neighboring societies.
The comparative method employed by Diamond proves especially fruitful when he looks at the development of Polynesian societies which spread into the Pacific on islands with greatly differing environments. Within a few thousand years, the development on those islands differed markedly, with some societies remaining hunter-gatherer tribes and others developing into proto-empires. The different development of those island societies serves Diamond as a model to understand the more complex historical dynamics on a world scale.

In „Collapse“ Diamond proposes a five-point framework of factors that lead to the collapse of societies: environmental damage, climate change, hostile neighbours, friendly trade partners (or the lack of it) and a society's responses to its environmental problems. In the course of the book Diamond gives examples of collapses of past and present societies and analyses the role played by one or several factors of his five-point framework.
One interesting case study, that of Easter Island, is presented by Diamond as an example for a pure ecological collapse of a society, due to total deforestation leading to war and resulting in a massive population die-off.
Another case study which is discussed at length is the collapse of the medieval Norse population in Greenland. This well documented case serves Diamond to show how all the five factors of his framework were at work to cause the collapse of a society. Furthermore, this case study is interesting as it also demonstrates the influence of culture in the downfall of a society. The Norse society in Greenland which aspired to a medieval European economy and lifestyle vanished whereas the Inuit with a very different lifestyle survived in the same environment.
In the last part of the book Diamond tries to draw practical lessons from his historical analysis for the environmental challenges faced by today's societies. The difference between past and present societies is of course, that whereas past societies have lived partly in isolation and their decline was thus a local or regional phenomenon, today's societies live in a globalized world facing global environmental challenges, with the prospect of a global decline. Despite the enormous environmental challenges faced by today's societies, Diamond displays a cautious optimism in his book and believes that if we learn from the mistakes made in the past we might succeed in solving today's challenges.

Diamond's quest for the ultimate causes of human history is a fascinating intellectual journey and he manages to convincingly explain the broad patterns of human history. Both books are full of insights and interesting historic details. Diamond clearly identifies environmental factors as major drivers behind human history but he does not fall in the trap of environmental determinism. Nevertheless, sometimes Diamond's analysis is a bit too narrowly focused on environmental factors at the expense of the role of culture, political institutions and individuals in shaping human history. For example the discussion of modern Rwanda in „Collapse“ identifies environmental factors and population pressure as the ultimate cause the 1994 genocide. However, colonialism, political injustices and ethnic hatred that has developed over decades in Rwanda, might suffice to explain the 1994 genocide and might be the ultimate and not just proximate cause for the Rwandan collapse.
If you read only one of the two books, then „Guns, germs and steel“ is to be recommended. The pace of the book is faster, the insights more numerous and the structure of the book is more coherent than in „Collapse“.

15
Feb
2009

Väter und Söhne von Iwan Turgenjew

Väter und Söhne ist Iwan Turgenjews berühmtester Roman. Die Handlung des Romans ist zur Mitte des 19. Jahrhundert im ländlichen Russland angesiedelt. Zwei befreundete Studenten kehren nach Jahren in Sankt Petersburg zu einem Besuch bei ihren Eltern auf dem Lande zurück. Jewgeni Basarow, der ältere der beiden Freunde ist ein angehender Landarzt. Er sieht sich selber als brillanten Naturwissenschaftler und überzeugten Nihilisten. Arkadi Kirssanow ist ihm als Freund treu ergeben und teilt seine nihilisten Ansichten ohne sie recht zu verstehen.
Arkadis Vater, Nikolai Kirssanow, empfängt die beiden Freunde auf die herzlichste Weise auf seinem Landgut. Er interessiert sich für die Ansichten der jungen Leute und versucht sich selber als liberal und fortschrittlich ihnen gegenüber zu präsentieren. Doch schon bald kommt es zu ersten Spannungen. Arkadis Onkel Pawel Kirssanow, der gemeinsam mit seinem Vater auf dem Landgut lebt, ist von aristokratischer Seinsweise, und spürt sofort eine tiefe Abneigung gegenüber dem Alles-Verneiner Basarow. Es entfalten sich mehrere Wortgefechte zwischen Pawel Kirssanow und Basarow. In einem dieser Wortgefechte äußert sich Basarow mit dem Satz: „In der heutigen Zeit ist es am sinnvollsten, zu verneinen.“ Seine naturwissenschaftliche, materialistische Ansicht drückt er in dem Satz, „Ein tüchtiger Chemiker ist zwanzigmal mehr wert als der beste Poet“, aus.
Nach einiger Zeit beginnen sich die Freunde auf dem Landgut der Kirsanows zu langweilen. Sie nehmen eine Einladung in eine nahegelegene Stadt an und lernen dort die attraktive Witwe Anna Sergejewna Odinzowa und deren schüchterne Schwester Katja kennen. Anna Odinzowa ist von den radikalen Ansichten Basarows fasziniert. Basarow seinerseits verliebt sich in Anna Odinzowa und gesteht ihr seine Gefühle. Diese Gefühle werden jedoch von Anna Odinzowa nicht erwidert und Basarow stürzt daraufhin in eine Krise, da seine romantischen Gefühle für eine Frau seinen nihilistischen und materialistischen Ansichten widersprechen.
Nach einem kurzen Aufenthalt bei Basarows Eltern kehren die beiden Freunde wieder zurück zum Landgut der Kirssanows. Doch die Freundschaft zwischen Basarow und Arkadi hat erste Risse bekommen. Arkadis romantische Gefühle für Katja, Anna Odinzowas Schwester, erweisen sich bald als stärker, als seine von Basarow übernommenen nihilistischen Ansichten. Der Konflikt zwischen Basarow und Arkadis Onkel Pawel spitzt sich nun schnell zu. Aus einem nichtigen Anlass fordert Pawel Kirssanow den Nihilsten Basarow zu einem Duell im Morgengrauen. Das Duell verläuft glücklich, ohne großes Blutvergießen. Basarow sieht sich allerdings gezwungen das Landgut der Kirssanows zu verlassen und fährt zu seinen in der Nähe lebenden Eltern.
Arkadi ist sich in der Zwischenzeit seiner Liebe zu Katja klar geworden und macht ihr einen erfolgreichen Heiratsantrag, der der Beginn eines konventionellen Lebens für ihn ist und das Ende seiner nihilistischen Ansichten darstellt. Basarow seinerseits stürzt sich in die Arbeit, um Anna Odinzowa zu vergessen. Er unterstützt seinen Vater bei der Bekämpfung einer Typhus Epidemie. Doch schon bald ereilt ihn ein tragisches Ende in der Form einer Infektionserkrankung.
Am Ende des Buches erweist sich der Nihilismus für die beiden jungen Protagonisten somit als nicht gangbare Lebensphilosophie. Der kühle, wissenschaftliche Blick aufs Leben gelingt den beiden nur in der Theorie. Im praktischen Leben versagt der Nihilismus vor der Liebe und dem Schicksal.
Turgenjews Roman beschreibt einen Generationskonflikt. Einen Konflikt zwischen der idealistisch geprägten Generation der Eltern und der materialistisch, nihilistisch denkenden Jugend. Basarow und Pawel Kirssanow verkörpern die Extrempositionen der beiden Generationen. Schlussendlich sind sowohl Basarow und Pawel Kirssanow eines erfüllten und glücklichen Lebens unfähig. Die einfacheren Charaktere des Buches, wie Arkadi und sein Vater Nikolai, finden hingegen zu einem friedlichen Leben.
Turgenjews Roman ist ein großes Meisterwerk des russischen Realismus. Die Personen und die Handlung bestechen durch eine tiefe Anziehungskraft. Die Sprache ist klar und schnörkellos. Die Atmosphäre des Buches ist intensiv und getragen von berührenden und poetischen Szenen, wie derjenigen am Schluss des Romans, als Basarows alte und gebrechliche Eltern täglich am Grabe ihres geliebten Sohnes erscheinen. Zu empfehlen ist die Übersetzung von Harry Burck im Aufbau Taschenbuch Verlag.

23
Nov
2008

Der Idiot von Fjodor M. Dostojewskij

„Ende November, bei Tauwetter, gegen neun Uhr morgens, nähert sich ein Zug der Petersburg-Warschauer-Eisenbahnlinie mit Volldampf Petersburg.“ So beginnt Dostojewskijs Roman „Der Idiot“. In diesem Zug in einem Waggon dritter Klasse kommt es gleich zu Beginn der Geschichte zu einer schicksalshaften Begegnung. Der verarmte und kränkliche Fürst Lew Myschkin kehrt nach einem lange Kuraufenthalt in der Schweiz zurück in seine Heimat. Im Zug macht er die zufällige Bekanntschaft mit Parfjon Rogoschin, einem raubeinigen Lebemann, dem sein kürzlich verstorbener Vater eine größere Erbschaft hinterlassen hat. Rogoschin erzählt Fürst Myschkin von seiner leidenschaftlichen Liebe zu Nastassja Filippowna, einer „gefallenen“ russischen Schönheit. Im ersten Kapitel führt Dostojewskij somit gleich die drei Hauptfiguren ein, deren Geschichten sich im Laufe des Romans immer verhängnisvoller miteinander verstricken bis es auf den letzten Seiten des Buches zu einer großen Tragödie kommt.
Fürst Lew Myschkin ist der Protagonist des Romans. Er ist gutmütig, großherzig, vertrauensvoll und stets bereit jede Untat gegen ihn zu vergeben. Er ist die literarische Personifizierung eines Menschen der nur das Gute für seine Mitmenschen will. Aus Mitleid verliebt sich Fürst Myschkin in Nastassia Filippowna. Dies bringt ihn unweigerlich auf Konfrontationskurs mit seinem Antagonisten Rogoschin und einer Vielzahl anderer Personen. Nastassja Fillippowna aber ist eine höchst wankelmütige Person, die sich für keinen der beiden Kontrahenten entscheiden kann. Immer wieder stimmt Nastassja der Hochzeit mit einem der beiden zu, um dann im letzten Moment wieder davonzulaufen. Mehr und mehr Personen drängen sich in das Leben des Fürsten mit teilweise sehr eigennützigen Absichten. In seiner Naivität wird der Fürst immer wieder hintergangen, ausgenützt und ausgelacht. Fürst Myschkin verliert mehr und mehr die Kontrolle über sein eigenes Leben und ist unfähig die sich ankündigende Tragödie zu verhindern. Schlussendlich endet der Fürst wieder als „Idiot“ in einer schweizer Heilanstalt.
Wie in allen großen Romanen Dostojewskijs gibt es auch in „Der Idiot“ eine Vielzahl an schillernden Charakteren. Dostojewskij gelingt es meisterhaft seine Figuren vor allem durch ihre Redeweise psychologisch stringent und plastisch darzustellen. In ihrer Exzentrizität sind Dostojewskijs Figuren liebenswert und manche, wie der lebensmüde Ippolit oder der kriecherische Beamte Lebedjew höchst amüsant. In vielen mitreißenden Dialogen behandelt Dostojewskij die großen Themen seiner Zeit wie Nihilismus, Sozialismus, technologischer Fortschritt, Todesstrafe und russische Orthodoxie. Zu empfehlen ist die Übersetzung von Swetlana Geier.

10
Apr
2008

Die Bekenntnisse von Augustinus

Augustinus lebte im Ausklang der Antike. Er wurde 354 im heutigen Algerien geboren, verbrachte einen Großteil seines Lebens in Khartago, Rom und Mailand und starb 430 in Hippo in Nordafrika. Auf der Höhe seines Lebens, um 397/98 schrieb Augustinus seine Bekenntnisse. Dieses Buch, das als eine der ersten Autobiographien der Weltgeschichte gilt, war äusserst wirkmächtig für die Entwicklung der abendländischen Philosophie und des Christentums.
Augustinus unterteilt seine Bekenntnisse in 13 Bücher oder Kapitel. In den Büchern 1 bis 10 berichtet Augustinus von seinem äußeren und inneren Werdegang hin zum glaubenden Christen. Augustinus berichtet in diesen Büchern schonungslos von seinen Verfehlungen und Eitelkeiten. Zentral ist hier das großartig beschriebene Erweckungserlebnis, das Augustinus im achten Kapitel beschreibt. Augustinus erzählt uns, wie er im Alter von 32 Jahren zerknirscht und traurig im Garten sitzt und auf einmal die Stimme eines Kindes vernimmt, die sagt: „Nimm es, lies es!“. Augustinus greift zu der vor sich liegenden Bibel und öffnet sie an einer zufälligen Stelle. Was er dort liest lässt allen seinen Kummer und Zweifel verschwinden und Augustinus findet dadurch endgültig zum Glauben.
Im elften bis dreizehnten Buch gibt uns Augustinus seine Interpretation der biblischen Schöpfungsgeschichte. Im elften Buch befindet sich auch seine philosophisch interessante Analyse der Zeit. Augustinus erklärt uns hier, dass der Zeiten drei sind, nämlich: Gegenwart von Vergangenem, Gegenwart von Gegenwärtigem und Gegenwart von Künftigen. Zentral bei dieser Analyse ist, dass Augustinus die Zeit als Leistung des menschlichen Bewusstseins auffasst.
Obwohl zu einer längst vergangen Epoche der Menschheitsgeschichte geschrieben, sind Augustinus und seine Bekenntnisse immer noch aktuell und lesenswert. Karl Jaspers, in seinem Buch „Die großen Philosophen“ führt Augustinus gemeinsam mit Plato und Kant als „fortzeugenden Gründer des Philosophierens“ an. Was an Augustinus anspricht ist seine Art des suchenden Philosophierens. Philosophie für Augustinus ist nicht nur eine intellektuelle Beschäftigung, sondern sie erfasst den ganzen Menschen in seinem sehnsuchtsvollen Streben nach Wahrheit, Liebe und Gott.

9
Mar
2008

Die Brüder Karamasow von F.M. Dostojewskij

Der Roman erzählt die Geschichte von drei Brüdern und dem Mord an deren Vater. Die Handlung ist im späteren 19. Jahrhundert zu Dostojewskijs Lebzeiten angesiedelt. Den örtlichen Rahmen bildet ein kleines Städtchen in der russischen Provinz. In dem groß angelegten Roman verbindet Dostojewskij ein Vielzahl von Handlungsstränge und lässt über vierzig handelnde Personen auftreten. Die Hauptakteure sind der Vater Fjodor Pawlowitsch Karamasow und seine drei Söhne Mitja, Iwan und Aljoscha.

Nach vielen Jahren treffen die Brüder Karamasow wieder auf dem väterlichen Gutshof zusammen. Schon bald beginnen sich Spannungen aufzubauen und eine unheilvolle Katastrophe zeichnet sich ab. Fjodor Pawlowitsch erscheint den Söhnen als miserabeler, lasterhafter und törichter alter Mann, der die Bezeichnung Vater kaum verdient. Mitja, der älteste der drei Söhne (28 Jahre) liegt im heftigen Streit mit seinem Vater wegen eines nicht ausbezahlten Erbteils. Ausserdem haben sich der verheiratete Mitja und Fjodor Pawlowitsch beide in Gruschenka, eine junge und äußerst attraktive Frau verliebt. Mitja ist ein impulsiver Lebemensch der aus seinem Zorn gegenüber seinem Vater kein Geheimnis macht und ihm öffentlich mit Mord droht. Iwan, der zweitälteste Sohn (24 Jahre), ist ein intellektueller europäischer Prägung der auf dem Wege ist ein bedeutender Publizist zu werden. Er ist seit Jahren unglücklich in Mitjas Ehefrau Katerina Iwanowna verliebt. Mitjas kopflose Liebe zu Gruschenka bietet für Iwan nun die Aussicht auf Erfüllung seiner Liebe zu Mitjas Ehefrau Katerian Iwanowna. Aljosha, der jüngste der drei Söhne (20 Jahre) hat sich für ein Leben als Mönch entschieden. Seine Persönlichkeit ist stark geprägt von dem heiligmäßigen Klostermönch Sossima, dem er sich bis zu dessen Tod anschließt. Aljosha sieht, dass sich ein großes Unheil in der Familie abzeichnet und versucht dieses zu verhindern. Doch es gelingt ihm nicht und die Katastrophe tritt ein. Der Vater wird erschlagen und ausgeraubt. Es beginnt nun die Suche nach dem Täter und die Erkundung der moralischen Verantwortlichkeiten der einzelnen Figuren.

Die Brüder Karamasow ist ein zutiefst religiöser und moralischer Kriminalroman mit erstaunlichen psychologischen Charakterisierungen. Dostojewskijs Figuren in diesem Roman verkörpern verschiedene Ideen und Weltanschauungen und führen uns diese in ihren Handlungen und Gesprächen vor. Vor allem die drei Brüder symbolisieren drei höchst unterschiedliche Lebensentwürfe. Mitja ist der impulsive Lebemensch. Er ist unvernünftig und verschwenderisch und kann brutal und liebevoll zugleich sein. Iwan ist die Verkörperung des vernunftbestimmten Intellektuellen europäischer Prägung. Er steht dem russischen Nihilismus nahe und kennt aufgrund seines Atheismus keine moralischen Grenzen. Aljoscha ist die anziehendste Figur im Roman. Er verkörpert den religiösen Menschen. Er ist ein Menschenfreund von höchster Moral, der Gott und die Welt innig liebt. Dostojewskij nennt ihn im Vorwort zum Roman seinen Helden.

Dostojewskij war ein begnadeter Menschenkenner. Trotz der Vielzahl an Figuren sind alle plastisch und psychologisch stringent dargestellt. Einzig die Figur des Erzählers ist nicht ganz durchgängig. Dostojewskij bezeichnet sich im Vorwort selbst als der Biograph der Geschichte. Die Perspektive und der Stil in dem er sich als Erzähler immer wieder in die Handlung einbringt sind dann aber von wechselnder Art und Intensität. Vor allem im zwölften Buch tritt der Erzähler für meinen Geschmack zu stark in den Vordergrund und bricht mit dem vorhergehenden Fluss des Romans.

Die Brüder Karamasow ist ein Buch von großartiger moralischer und künstlerischer Einheit, das seinen Platz in der Weltliteratur hat. Es ist ein Buch, das mitreisst und dessen Figuren einem sofort ans Herz wachsen. Zu empfehlen ist die Übersetzung von Swetlana Geier.
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Robert Moosbrugger

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