Buchbesprechung: Volker Seitz – Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann

Der pensionierte deutsche Diplomat Volker Seitz legt mit seinem Buch „Afrika wird armregiert“ einen persönlichen Erfahrungsbericht aus 17 Jahren beruflicher Tätigkeit in verschiedenen Ländern Afrikas vor. In all diesen Jahren hat Seitz die deutsche Entwicklungszusammenarbeit bestens kennen gelernt und beschert uns nun, laut Buchumschlag, ein Plädoyer für eine radikale Änderung der Entwicklungspolitik. Vor allem vor dem Hintergrund der von vielen Seiten geforderten Verdoppelung der öffentlichen Entwicklungshilfe, oder gar deren Steigerung auf 0,7% des Bruttonationaleinkommens, ist das Plädoyer von Volker Seitz als wichtiger Beitrag zur Debatte um Sinn und Unsinn der Entwicklungszusammenarbeit ernst zu nehmen.
Schon auf den ersten Seiten des Buches wird klar, dass Seitz die real existierende Entwicklungszusammenarbeit für wenig effektiv, ja teilweise sogar schädlich hält. Das Problem laut Seitz ist nicht die Quantität, sondern die Qualität der Entwicklungszusammenarbeit.
Das Buch ist in mehrere Abschnitte mit Unterkapiteln gegliedert. Im ersten mit „Kritik der reinen Unvernunft“ betitelten Abschnitt setzt sich Seitz mit verschiedenen Facetten der Entwicklungszusammenarbeit auseinander, die seiner Ansicht nach unvernünftig bis schädlich sind. In diesem Zusammenhang kritisiert Seitz unter anderem den „Irrgarten Entwicklungshilfe“ in dem sich eine Vielzahl von öffentlichen und privaten Organisationen wenig koordiniert tummle und die direkte Budgethilfe für Entwicklungsländer, die oft in dunklen Kanälen versickere.
Im nächsten Abschnitt „Prinzip Verantwortung“ geht Seitz auf die für ihn wahren Ursachen der fehlenden Entwicklung in Afrika ein. Er beschreibt hier seinen Eindruck von den afrikanischen politischen Eliten, es geht um Korruption, Misswirtschaft und schlechte Regierungsführung. Seitz macht uns hier klar, dass er für die vielseitigen Probleme Afrikas die Schuld hauptsächlich in der afrikanischen Politik und bei den afrikanischen Eliten sieht.
Im nächsten „Entwicklungshindernisse“ genannten Abschnitt zählt Seitz eine lange Liste an Hindernissen auf. Die Liste ist allerdings wenig systematisch und kann nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben. So geht Seitz beispielsweise auf einige der wichtigsten Entwicklungshindernisse, wie Bürgerkriege, fehlende regionale und internationale Marktzugänge oder zu geringe landwirtschaftliche Produktivität, kaum oder gar nicht ein. Auf der anderen Seite aber erwähnt Seitz kaum wissenschaftlich haltbare Faktoren, wie das angebliche fehlende Zeitgefühl der Afrikaner, als Entwicklungshindernis.
Im nächsten Abschnitt „Lehrstoff Entwicklungshilfe“ setzt sich Seitz noch einmal kritisch mit der Entwicklungshilfeindustrie auseinander. Unter anderem kritisiert er dabei die Vereinten Nationen als globale Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und fordert einen Rechnungshof für Entwicklungshilfe.
Im vorletzten Abschnitt„Was muss sich ändern?“ macht Seitz eine ganze Reihe von Vorschlägen zur Veränderung der Entwicklungszusammenarbeit. Viele der Vorschläge sind allerdings wenig innovativ können kaum als Zeugnis für eine radikale Änderung der Entwicklungspolitik herhalten, so wie es der Klappentext verspricht. Unter anderem fordert Seitz eine stärkere Unterstützung von Frauen, eine Förderung der Landwirtschaft, vermehrten Zugang zu Kleinkrediten für Arme und bessere Hochschulbildung. All dies sind Vorschläge die schon seit Jahren Bestandteil der Entwicklungspolitik vieler OECD Länder sind. Am radikalsten ist vielleicht seine Forderung, dass die Entwicklungszusammenarbeit sich auf die Unterstützung von Ländern mit guter Regierungsführung konzentriere. Allerdings ist auch diese Forderung nicht ganz neu. Präsident Bush hat dies bereits 2004 mit seinem Millennium Challenge Account genannten Entwicklungshilfefonds umgesetzt.
Im letzten Abschnitt verkündet Seitz „Sechs Wahrheiten zur Entwicklungspolitik“, die dann etwas radikaler sind, als die zuvor erwähnten Verbesserungsvorschläge. Die sechs Wahrheiten laut Seitz sind:
1.Malaisen in Afrika dürfen nicht schöngeredet werden
2.Der Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit muss überprüft werden
3.Auch die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen sollte regelmäßig überprüft werden
4.Wir sollten so wenig Geld wie irgend möglich und nur so viel wie dringend nötig fließen lassen
5.Eine schlechte Regierungsführung muss Folgen haben
6.Die Schlüsselrolle im Kampf gegen die Armut müssen die afrikanischen Regierungen selbst übernehmen

Das Buch von Volker Seitz reiht sich in eine inzwischen immer länger werdende Reihe von Büchern ein, die sich kritisch mit dem Thema Effektivität der Entwicklungszusammenarbeit auseinandersetzen. Seitz lässt keinen Zweifel daran, dass er die Ursachen für die Malaise in weiten Teilen Afrikas nicht in einer „kannibalischen Weltwirtschaftsordnung“ (Jean Ziegler) sieht, sondern in der korrupten und nicht an den Entwicklungsbedürfnissen der eignen Völker interessierten politischen Kaste Afrikas. Als Königsweg zur Entwicklung in Afrika sieht er gute Regierungsführung und Investitionen in Bildung. Der von Seitz gelegte Fokus auf gute Regierungsführung wirft allerdings die Frage auf, was mit den Ländern passieren soll, die sich nicht an die Spielregeln der guten Regierungsführung halten. Sollen Länder wie beispielsweise Somalie, der Sudan oder die D.R. Kongo sich selber überlassen werden? Volker Seitz bietet hier mit seinen Vorschlägen keine überzeugenden Alternativen.
Rupert Neudeck schreibt in seinem sehr interessanten Vorwort zum Buch: „Es gibt viele Bücher über das Scheitern dessen, was wir mit einem falschen Wort Entwicklungshilfe nannten. Dieses Buch gibt dem Gebäude den letzten Stoß. Nach seiner Zerstörung muss etwas ganz anderes aufgebaut werden.“ Diese Behauptung ist vielleicht etwas vollmundig und es ist wohl kaum zu erwarten, dass mit der Publikation dieses Buches tatsächlich das Ende der bisherigen Entwicklungspolitik eingeläutet ist. Richtig ist allerdings, dass es eine ehrliche Debatte zur Effektivität von Entwicklungszusammenarbeit braucht und dort wo es notwendig ist, auch den Mut zur radikalen Veränderung.
„Afrika wird armregiert“ ist leicht zu lesen, vielleicht manchmal etwas zu leicht. Manche der teilweise sehr komplexen Thematiken werden vom Autor auf wenigen Seiten abgehandelt. Wenig hilfreich ist auch der stellenweise polemische und verallgemeinernde Ton. Dennoch bietet das Buch von Volker Seitz eine interessante Perspektive auf die Problematik der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und ist eine wichtiger Beitrag zur Debatte um die Effektivität der Entwicklungshilfe.

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