10
Jan
2010

Buchbesprechung: Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen

Jean Ziegler, emeritierter Soziologie Professor und UN Sonderberichterstatter hat wieder ein Buch veröffentlicht. Der Titel des Buches ist „Der Hass auf den Westen“ und der reißerische Untertitel des Buches lautet: „Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.“ Der im Untertitel erwähnte, angebliche wirtschaftliche Weltkrieg wird dann im Buch aber weder definiert noch mit Daten oder Fakten belegt. Es darf also vermutet werden, dass der Untertitel wohl nur gewählt wurde, um die Verkaufszahlen zu steigern. Das neue Buch Zieglers reiht sich nahtlos in die bisher veröffentlichten Schriften des Autors ein, und identifiziert wieder die üblichen Verdächtigen wie WTO, IWF, Weltbank und multinationale Unternehmen als die Verantwortlichen für alles Leid dieser Erde. Das Buch hätte auch gut auch einen anderen Titel haben können, beispielsweise „Zieglers Hass auf den Kapitalismus“.
Die Kernthese des Buches ist, dass die Menschen im globalen Süden den Westen hassen und dass die Quellen dieses Hasses im Sklavenhandel, im Kolonialismus, in der Doppelzüngigkeit des heutigen Westens und in einer kannibalischen Wirtschaftsordnung liegen. Laut Ziegler befindet sich der Süden heute in einem Aufstand gegen den Westen; ein Aufstand in dem sich ein historisches Bewusstsein für die erlitten Leiden widerspiegelt.
Diese Kernthese ist in vielfältiger Hinsicht problematisch. In keinem Punkt seines Buches untermauert Ziegler den angeblichen Hass auf den Westen mit Zahlenmaterial oder Umfragen. Als Beweis für seine schwerwiegende und weitreichende These genügen ihm Gespräche, die er mit ausgewählten Gesprächspartnern geführt hat. Dass in vielen Ländern des Südens eher ein Hass auf die eigenen korrupten Eliten besteht, als ein Hass auf den Westen wird im Buch nicht thematisiert. Auch dass dort wo wirklich ein Hass auf den Westen besteht, die Quellen immer im Sklavenhandel, Kolonialismus, etc. liegen, so wie Ziegler uns weismachen will, ist in keiner Weise eine ausgemachte Sache. Als Gründe für den Hass auf den Westen könnte genauso gut die Spannung zwischen Tradition und Moderne angegeben werden. In vielen Länder des Südens sind nach wie vor starke patriarchalische Strukturen vorhanden, die in der Liberalität des Westens, vor allem in Bezug auf Individualismus und Emanzipierung der Frauen und Homosexuellen, eine klare Gefährdung ihrer eigenen Wertesysteme erblicken und deshalb den Westen hassen.
Am interessantesten ist allerdings das was Ziegler nicht erwähnt. Ein Buch mit dem Titel „Der Hass auf den Westen“ lässt eigentlich erwarten, dass der islamischen Fundamentalismus zumindest thematisiert würde. Allerdings weit gefehlt. Ziegler geht in seinen Beispielen nicht auf den islamischen Fundamentalismus ein und liefert dafür auch keinerlei Erklärungen. Der Grund dafür ist wohl, dass sich die Ablehnung des Westens in weiten Teilen der islamischen Welt nicht einfach mit den gängigen schwarz-weißen Erklärungsmustern von Ziegler beschreiben lässt.
Jean Zieglers Buch ist kein sozialwissenschaftliches Sachbuch sondern fällt mehr unter die Kategorie „ideologisch gefärbte Reiseerzählungen“. Wie ungenau und polemisch Jean Ziegler mit Fakten umgeht, kann beispielsweise anhand des Epilogs des Buches verdeutlicht werden. Hier geht Ziegler kurz auf die Ursachen der Explosion der Grundnahrungsmittelpreise in vielen Entwicklungsländern ein. Eine Thematik mit der er sich als UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung eigentlich bestens auskennen sollte. Als Grund für die Preisexplosion für Grundnahrungsmittel identifiziert Ziegler, wie bei ihm nicht anders zu erwarten ist, den Westen.
Beispielsweise führt er Mali an, dass vom Westen dazu gezwungen werde, Baumwolle für den Weltmarkt zu produzieren, anstatt Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung anzubauen und deshalb nun Reis aus Vietnam importieren müsse. Hier widerspricht sich Ziegler selber, denn an einer anderer Stelle des Buches (Seite 85) schreibt er von der strukturellen Gewalt des Westens, die auf die Vernichtung des Baumwollmarktes in Mali abziele. Es ist unlogisch dem Westen einerseits vorzuwerfen, dass er Mali zum Export von Baumwolle zwinge und gleichzeitig den Baumwollmarkt für Mali vernichten wolle. Ziegler erwähnt auch nicht, dass es sehr wohl Sinn machen kann, dass sich Länder auf die Produktion von Agrargütern spezialisieren, für die sie die geeigneten klimatischen Bedingungen besitzen. Warum sollte Vietnam Baumwolle anbauen und Mali Reis pflanzen, wenn sie darin keine komparativen klimatischen Vorteile haben?
Als weiteren Faktor für die Preisexplosion sieht Ziegler die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln. Hier hat er im Prinzip Recht. Allerdings ist Ziegler wieder sehr selektiv bei der Schuldzuweisung und sieht die Schuldigen nur im Westen. Bekanntlich profitierten aber auch viele lokale Händler im Süden und teilweise auch hochrangige Politiker, wie beispielsweise in Kenia, massiv von Nahrungsmittelspekulationen. Ausserdem haben auch andere globale Faktoren wie Missernten und Veränderung im Nahrungsmittelkonsum in Ländern wie beispielsweise China zu einer Erhöhung der weltweiten Nahrungsmittelpreise beigetragen. Für Ziegler sind diese Faktoren allerdings keiner Erwähnung wert, wahrscheinlich weil sie nicht einfach dem Westen in die Schuhe geschoben werden können.
Das neue Buch von Jean Zieglers ist leicht und schnell zu lesen. Am Besten ist Ziegler wenn er seine persönlichen Eindrücke von den vielen Orten die er besucht gekonnt literarisch beschreibt. Allerdings sind manche Elemente auch sehr repetitiv. Beispielsweise fügt Ziegler beim Erwähnen seiner diversen Gesprächspartner immer eine kurze Charakterisierung und Beschreibung bei. Als Faustregel gilt dabei, dass Zieglers Gesprächspartner die den Westen vertreten, als arrogant, gerissen, kurz unsympathisch beschrieben werden. Seine Gesprächspartner aus dem Süden sind freundlich, lächelnd, von großer Herzlichkeit und, sofern es Frauen sind, sogar von betörender Schönheit. Die Charakterisierungen mit denen Ziegler seine Gesprächspartner beschreibt bedienen in ihrer Einfachheit alle Stereotype seiner Weltanschauung. Wer Jean Ziegler liest, muss wissen, dass er keine empirisch wissenschaftliche Erklärung für die vielfältigen Probleme und Nöte der Bevölkerungen von Entwicklungsländern finden wird, sondern eine ideologische Erzählung, basierend auf einer Weltanschauung aus einer vergangenen Zeit.
Helmut Wiener (guest) - 9. Nov, 10:53

Danke für deine kritischen Worte

Lieber Robert,

fand gerade deine Buchbesprechung. Danke für deine kritischen Worte. Das wird es mir leichter machen, das Buch Zieglers etwas weniger blauäugig zu Ende zu lesen.

Beste Grüße aus Málaga nach Islamabad
Helmut

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Robert Moosbrugger

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